Wildbienen verstehen
Wildbienen sind viel mehr als kleine Honigbienen
In Deutschland sind rund 600 Wildbienenarten nachgewiesen. Sie unterscheiden sich nicht nur im Aussehen, sondern vor allem darin, wie sie leben, wo sie nisten und welche Pflanzen sie für ihre Brut brauchen.
Einige davon erleben wir bei uns direkt an den Nisthilfen. Andere graben ihre Nester im Boden oder nutzen Stellen im Garten, an denen man sie leicht übersieht. Genau deshalb möchten wir Wildbienen hier nicht nur über ein „Bienenhotel“ erklären.
Wildbienen kennenlernen
Erst einmal grundsätzlich
Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Wildbienen sprechen?
Wildbienen sind keine einheitliche Gruppe kleiner, brauner Bienen. Unter diesem Begriff finden sich sehr unterschiedliche Arten, Größen, Farben und Lebensweisen. Auch Hummeln gehören zu den Wildbienen. Die Honigbiene behandeln wir dagegen getrennt, weil ihre Lebensweise als dauerhaft staatenbildende und bei uns überwiegend imkerlich gehaltene Biene eine andere ist.
Viele leben allein
Ein großer Teil der Wildbienen lebt solitär. Das Weibchen sucht oder baut seinen Nistplatz selbst, sammelt den Proviant für die Brut und legt anschließend Ei für Ei in einzelne Brutzellen.
Es gibt dabei keine Arbeiterinnen, die das Nest versorgen, wie wir es von einem Honigbienenvolk kennen.
Hummeln gehören dazu
Nicht alle Wildbienen leben solitär. Hummeln bilden beispielsweise einjährige Staaten. Auch bei verschiedenen Furchen- und Schmalbienen gibt es soziale Lebensformen.
Schon daran sieht man: „Wildbiene“ beschreibt keine einzige Lebensweise.
Es gibt auch Kuckucksbienen
Manche Wildbienen bauen überhaupt kein eigenes Nest. Sie schleusen ihr Ei in das Nest einer anderen Bienenart ein. Die eigene Larve nutzt anschließend den dort angelegten Pollenvorrat.
Auch solche Arten gehören ganz selbstverständlich zur Wildbienenfauna.
Ein häufiges Missverständnis
Die meisten Wildbienen brauchen kein klassisches Wildbienenhotel
Wenn über Wildbienen gesprochen wird, sieht man schnell einen Holzblock mit Bohrungen oder ein Bündel Bambusröhrchen vor sich. Tatsächlich lebt aber nur ein Ausschnitt unserer Arten in genau solchen bereits vorhandenen Hohlräumen.
Ein großer Teil unserer Wildbienen nistet im Boden. Andere nutzen Pflanzenstängel, Totholz, Mauerspalten, leere Schneckenhäuser oder selbst genagte Hohlräume.
Nester im Boden
Viele Arten graben ihre Nester selbst. Dabei gibt es nicht den einen richtigen „Wildbienensand“. Je nach Art spielen Bodenart, Körnung, Feuchtigkeit, Verdichtung, Bewuchs und Sonneneinstrahlung eine Rolle.
Eine geeignete offene Bodenstelle kann deshalb für viele Arten wichtiger sein als ein zusätzliches Wildbienenhotel.
Vorhandene Hohlräume
Mauerbienen, Scherenbienen, Löcherbienen und verschiedene weitere Arten nutzen vorhandene röhrenförmige Hohlräume. Zu dieser Gruppe gehören viele der Wildbienen, die wir an unseren Nisthilfen beobachten.
Diese Arten bohren den Gang normalerweise nicht selbst in einen massiven Holzblock. Sie beziehen einen bereits vorhandenen Hohlraum.
Stängel, Totholz und andere Plätze
Manche Wildbienen nagen ihre Nester in das Mark trockener Pflanzenstängel. Andere nutzen Fraßgänge in Totholz, Hohlräume in Mauern oder sogar leere Schneckenhäuser.
Wer Wildbienen fördern möchte, sollte deshalb möglichst unterschiedliche Strukturen im Garten zulassen.
Was von außen unsichtbar bleibt
Eine Wildbiene baut kein „Loch“ – sie baut ein Nest
Von außen sieht man bei einem belegten Nistgang zunächst nur, dass eine Biene immer wieder in derselben Öffnung verschwindet. Was dahinter entsteht, bleibt normalerweise verborgen.
Bei vielen solitär lebenden Hohlraumnistern entsteht Brutzelle für Brutzelle. Das Weibchen trägt Pollen und Nektar ein, legt ein Ei zum Futtervorrat und trennt die fertige Zelle von der nächsten ab.
Danach wird die nächste Zelle angelegt. Ist die Arbeit abgeschlossen, entwickelt sich der Nachwuchs ohne weitere Versorgung durch die Mutter.
Genau deshalb nutzen wir Beobachtungskästen. Unsere Kinder schauen dabei genauso gern mit wie wir. Viele Dinge werden deutlich verständlicher, sobald man sie einmal tatsächlich gesehen hat.
Im Inneren des Nestes
Brutzellen, Futtervorrat und Zwischenwände
Im Beobachtungskasten lässt sich gut erkennen, dass ein belegter Gang aus einzelnen Abschnitten besteht. Die einzelnen Brutzellen werden voneinander getrennt und können je nach Nest unterschiedlich aufgebaut sein.
Was uns bei der Ganglänge auffällt
Die gefrästen Nistgänge in diesem Kasten sind ungefähr 14 Zentimeter lang. Trotzdem werden sie nicht automatisch über die komplette Länge mit Brutzellen gefüllt.
Je nach belegtem Gang bleibt ein Teil des angebotenen Raumes frei. Das ist für uns eine wichtige Beobachtung, weil bei Nisthilfen häufig mit einer einzigen festen Mindesttiefe argumentiert wird.
Wir ziehen daraus nicht den Schluss, dass Gangtiefe egal wäre. Art, Gangdurchmesser, verfügbarer Raum und tatsächlicher Nestaufbau gehören für uns zusammen.
Eine einzelne Zentimeterzahl erklärt das Thema deshalb nicht vollständig.
Nahrung für den Nachwuchs
Der Pollenvorrat gehört zur Brutzelle
Die Mutter bringt Pollen und Nektar in die Brutzelle. Dieser Vorrat ist die Nahrung, von der sich die Larve nach dem Schlupf entwickelt.
Schon mit bloßem Auge kann man manchmal unterschiedlich gefärbte Pollenvorräte erkennen. Daraus lässt sich aber nicht sicher bestimmen, welche Pflanzen besucht wurden. Dafür müsste der Pollen genauer untersucht werden.
Spannend ist das vor allem deshalb, weil nicht jede Wildbienenart bei der Pollensuche gleich flexibel ist.
Nicht jede Blüte ist für jede Biene gleich wertvoll
Manche Wildbienen sind bei der Pollensuche echte Spezialisten
Viele Wildbienen können Pollen von unterschiedlichen Pflanzen nutzen. Andere sind deutlich stärker spezialisiert und sammeln den Pollen für ihre Brut nur an bestimmten Pflanzenfamilien oder Pflanzengattungen.
Generalisten
Diese Arten können Pollen von verschiedenen Pflanzen nutzen. Auch für sie ist ein abwechslungsreiches Blütenangebot über die gesamte Flugzeit wichtig.
Pollenspezialisten
Bei spezialisierten Arten reicht „irgendetwas Blühendes“ nicht aus. Fehlt die passende Pollenquelle, kann auch ein geeigneter Nistplatz das nicht ersetzen.
Die ganze Saison zählt
Unterschiedliche Wildbienen fliegen zu unterschiedlichen Zeiten. Ein Garten, der nur wenige Wochen im Frühjahr reich blüht, lässt später im Jahr schnell eine Lücke entstehen.
Nistplatz und Nahrung zusammendenken
Ein freier Nistgang nützt wenig, wenn das passende Futter fehlt
Gerade bei künstlichen Nisthilfen wird dieser Punkt leicht vergessen. Ein brauchbarer Hohlraum ist nur ein Teil dessen, was eine Wildbiene benötigt.
Für jede Brutzelle muss das Weibchen ausreichend Nahrung eintragen. Dafür braucht es geeignete Pollenquellen in erreichbarer Umgebung.
Deshalb schauen wir bei einem wildbienenfreundlichen Garten nicht nur auf eine möglichst bunte Momentaufnahme, sondern auf Pflanzenarten und Blütezeiten über die Saison.
Spuren lesen
Ein Nestverschluss verrät einiges – aber nicht immer die genaue Art
Nestverschlüsse gehören für uns zu den spannendsten Dingen an einer belegten Nisthilfe. Wer über längere Zeit hinschaut, merkt schnell, wie unterschiedlich sie aussehen können.
Je nach Art werden ganz verschiedene Materialien verwendet: Lehm, sandiger Mörtel, zerkaute Pflanzenbestandteile, ausgeschnittene Blattstücke, Harz, kleine Steinchen oder abgeschabte Holzpartikel.
Dadurch lässt sich der Bewohner manchmal recht gut eingrenzen. Trotzdem ist ein Nestverschluss kein eindeutiger Fingerabdruck. Selbst Verschlüsse unterschiedlicher Arten können sich zum Verwechseln ähnlich sehen.
Baumaterial ist nicht Futter
Was hat die Biene gebaut – und was hat ihre Brut gefressen?
Diese beiden Dinge sollte man auseinanderhalten. Der Nestverschluss kann viel über das verwendete Baumaterial verraten. Welche Pflanzen als Pollenquelle genutzt wurden, untersucht man dagegen am eingetragenen Pollenvorrat.
Material des Nestes
Lehm, Sand, Pflanzenmörtel, Blattstücke und Harz gehören je nach Art zu den Materialien, mit denen Brutzellen, Zwischenwände und Nestverschlüsse gebaut werden.
Nahrung der Larve
Der eingetragene Pollen und Nektar bilden den Nahrungsvorrat. Unterschiedliche Pollenfarben können sichtbar sein, eine sichere Pflanzenbestimmung ist daraus allein aber nicht möglich.
Beobachtung hilft
Wenn man zusätzlich sieht, welche Biene am Nest arbeitet, wann sie fliegt und welches Material sie einträgt, lässt sich deutlich mehr einordnen als an einem einzelnen fertigen Verschluss.
Über Monate beobachten
Ein Nistblock verändert sich ständig
Ein einziges Foto erzählt immer nur einen kleinen Ausschnitt. Manche Öffnungen sind noch frei, andere gerade in Arbeit und wieder andere bereits verschlossen.
Später schlüpft die nächste Generation aus den Brutzellen. Dabei werden alte Nestverschlüsse geöffnet oder teilweise sichtbar aufgebrochen.
Deshalb fotografieren und beobachten wir einige unserer Nisthilfen über längere Zeit. Erst dann wird deutlich, wie dynamisch so ein scheinbar einfacher Holzblock eigentlich ist.
Fachwissen und eigene Beobachtung
Bei Rissen schauen wir genauer hin
Für Nisthilfen gibt es gute Gründe, stark beschädigte oder aufgespaltene Nistgänge zu vermeiden. Ein Riss, der den eigentlichen Gang öffnet oder stark verändert, ist etwas anderes als ein äußerlich sichtbarer Riss im Holzblock.
Gleichzeitig sehen wir an unseren älteren Nisthilfen immer wieder, dass auch unmittelbar an deutlichen Rissen Nester angelegt und verschlossen werden.
Für uns wäre es deshalb zu einfach, allein aus einem sichtbaren Riss an der Vorderseite zu schließen, dass sämtliche betroffenen Bohrungen automatisch unbrauchbar sind.
Umgekehrt beweist eine Besiedlung natürlich nicht, dass jeder Riss für jede Art und über die komplette Brutentwicklung unproblematisch ist.
Genau diese Unterscheidung ist uns wichtig: beobachten, einordnen und nicht aus einer guten Empfehlung sofort eine unumstößliche Naturregel machen.
Nicht nur Bienen
Nicht jeder Bewohner einer Nisthilfe ist eine Wildbiene
Dieselben Hohlräume können auch von solitär lebenden Wespenarten genutzt werden. Dazu kommen Parasiten und andere Tiere, die zu diesem kleinen Lebensraum dazugehören.
Wir bestimmen lieber vorsichtig als spektakulär
Gerade bei Fotos reicht die Bildqualität nicht immer aus, um eine Wildbiene sicher bis zur Art zu bestimmen. Manche Arten unterscheiden sich durch Merkmale, die auf einem normalen Handyfoto schlicht nicht zu erkennen sind.
Wenn wir uns nicht sicher sind, schreiben wir deshalb lieber „Wildbiene“, „Mauerbiene“ oder beschreiben nur, was tatsächlich zu sehen ist.
Ein falscher Artname macht einen Beitrag nicht fachlicher. Manchmal ist „das lässt sich auf diesem Foto nicht sicher sagen“ die bessere Antwort.
Beobachten ohne Angst
Wildbienen lassen sich aus erstaunlicher Nähe beobachten
Bei unseren Nisthilfen stehen wir teilweise sehr nah vor den Tieren. Solitär lebende Wildbienen verteidigen ihre Nester gegenüber Menschen nicht wie ein Honigbienenvolk seinen Stock.
Weibchen besitzen zwar einen Stachel. Im normalen Umgang an einer Nisthilfe spielt das aber kaum eine Rolle, solange die Tiere nicht festgehalten, gedrückt oder anderweitig unmittelbar bedrängt werden.
Deshalb lässt sich das Geschehen auch mit Kindern wunderbar beobachten: nicht anfassen, nicht in belegten Gängen herumstochern – und ansonsten einfach zuschauen.
Wie wir hier arbeiten
Eigene Beobachtung und Fachwissen sollen sich ergänzen
Wir beobachten Wildbienen im eigenen Garten und an unseren Nisthilfen, arbeiten mit Beobachtungskästen und beschäftigen uns durch die eigene Herstellung sehr praktisch mit dem Thema.
Das heißt trotzdem nicht, dass wir jede Beobachtung sofort allgemeingültig machen. Ein einzelner belegter Nistgang ist eine Beobachtung – noch keine wissenschaftliche Studie.
Umgekehrt finden wir es genauso falsch, eigene Beobachtungen einfach zu ignorieren, nur weil sie nicht perfekt zu einer bekannten Faustregel passen.
Deshalb unterscheiden wir auf dieser Seite möglichst klar: Was ist gut belegtes Fachwissen? Was sehen wir selbst? Und wo reicht das bisherige Wissen für eine eindeutige Aussage noch nicht aus?
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Wer hinter dieser Seite steht, wie wir Nisthilfen herstellen und warum eigene Beobachtung für uns so wichtig ist.